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Dr. Manfred Stolpe  

“Die Evangelischen Kirchen in der DDR und der Wiederaufbau des Doms”

Vortrag des Ministerpräsidenten Manfred Stolpe beim 3. Dom-Kolloquium in Berlin am 4. Februar 2000

Dom Der ruinierte Dom im Herzen Berlins war ein Stein des Anstoßes, ein so kolossaler Anstoß sogar, dass er dem Betrachter zu einem gigantischen schwarzen Fragezeichen wurde: Abreißen, stehen lassen, wieder aufbauen? Und wenn abreißen - was dann an seine Stelle?
Und wenn Wiederaufbau - in welcher Gestalt und mit welcher Nutzung?
Jahrzehntelang haben sich Deutsche in Ost und West, in Kirche und Staat mit diesem Problem befasst. Wie bei kaum einem anderen Projekt wurde beraten, entworfen und wieder verworfen. Der Dom blieb eine nationale Aufgabe, die nur von der gesamten Nation gelöst werden konnte.

Zur Erinnerung: Im Juli 1948 stellt ein Stadtverordneter fest: Der Abbruch der Gebäudemassen käme erheblich teuerer als ihre Instandsetzung. Nach der Gründung der DDR lässt die Stadt die Reste der zerstörten Kuppel abtragen und beginnt 1950 mit der Sicherung der Innenkuppel. Aber im selben Atemzug wird das beschädigte Schloss vis-a-vis gesprengt. Mit einem ideologischen Kraftakt wollte man Jahrhunderte brandenburgischer und preußisch-deutscher Geschichte auslöschen. Würde dieses Schicksal auch dem letzten deutschen Kaiserdom zuteil?

Verschiedene Ideenwettbewerbe zur sozialistischen Umgestaltung des Zentrums der DDR-Hauptstadt radieren den Dom auf dem Reißbrett der Planer aus: ein Hochhausturm im Stil der Stalinallee an seiner Stelle, ein leergefegter Platz oder ein Minidom. - Der alte Kaiserdom steht quer - quer zu der Absicht, im Zentrum des sozialistischen Berlins ein ideologisches Sinnbild der neuen Macht zu installieren.

Auch das Domkirchenkollegium beteiligt sich an der Suche nach Sinn und Form. 1957 veranstaltet es einen internen Wettbewerb. Dessen Ergebnis: Der Dom wird zum schmucklosen Kasten entkleidet. Nicht besser auch das Resultat eines Wettbewerbs, den der Westberliner Senat durchführen lässt: Drei von fünf Entwürfen sehen den Abriss vor.

Der Dom steht quer. Zu deutlich scheint er die Sprache einer überwunden geglaubten Zeit zu sprechen - darin war man sich einig in Ost und West, in Kirche und Gesellschaft, in Politik und Architektur.

1962 beginnt die komplexe Neugestaltung des Zentrums Berlins - Hauptstadt der DDR. Schrittweise wird zwischen der Straße Unter den Linden und dem Alexanderplatz die umfassende Planung verwirklicht. Die Kirche veranlasst ein Gutachten, das dem Dom bescheinigt: Seine Hauptkonstruktion ist nach wie vor absolut standsicher. Nur der Anbau der Denkmalkirche musste wegen eines Risses im Gewölbe gesperrt werden.

Manchmal kommt Hilfe von der falschen Seite. Jedenfalls vom Dom aus gesehen - von links. Politbüro und Ministerrat der DDR beschließen im Jahr 1972 den Bau des Palastes der Republik. Dessen nördliche Volkskammer-Front blickt der südlichen des Doms direkt ins Fenster. Und der Fernsehturm wird auf dem Alex gebaut. Jetzt hat man eine sozialistische Höhendominante, die den Dom in ihren langen, schmalen Schatten stellt. Das gibt ihm Bleiberecht. Der Sozialismus hatte so augenscheinlich gesiegt, dass dies zu dokumentieren keines leeren Domplatzes mehr bedurfte. Staat und Partei beschließen: Der Dom steht nicht mehr quer. Er darf bleiben. Sein Äußeres ist wiederherzustellen. Als historisches Zeugnis. Das ist der Kirche mitzuteilen. Und zwar dem Leiter des Sekretariats des jüngst erst anerkannten Kirchenbundes: Manfred Stolpe.

Doch ich war der falsche Ansprechpartner, denn der Dom gehörte nicht dem Kirchenbund, sondern der Domgemeinde. Die wiederum gehörte zur Evangelischen Kirche der Union - Bereich DDR. Und außerdem: Ich war in jenen Jahren mit ganz anderen Bauprojekten befasst, nämlich mit dem Sonderbauprogramm des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR.

Nachdem mit der EKD darüber eine Verständigung erreicht worden war, hatte ich mich am 12. August 1971 - also ein knappes Jahr zuvor - an die Gliedkirchen unseres Bundes gewandt mit der Frage, “ob bei uns Interesse daran bestünde, auf Valutabasis über Intrac ein Sonderbauprogramm für kirchliche Schwerpunktbauten absichern zu lassen”.

Gedacht war an ausgewählte Objekte - z.B. historisch wertvolle Kirchen in Kreis- und Bezirksstädten - , die für die kommenden Jahrzehnte als Zentren kirchlichen Lebens benötigt würden. Sie sollten für den heutigen Gemeindebedarf rekonstruiert, erforderlichenfalls umgebaut werden. Unser Ziel war, auf diesem Wege eines Tages auch den Neubau von Kirchen zu erreichen. Das Programm “Kirchen für neue Städte” stand uns als Vision bereits vor Augen. Es lief ab 1978.

Was war der Hintergrund für das Sonderbauprogramm?

Anders als in unseren sozialistischen Nachbarstaaten waren die Kirchen in der DDR nach dem Kriege Eigentümerinnen von teils wertvollen Kirchen und anderen Gebäuden geblieben. In den mehr als 4000 Gemeinden gab es fast überall Gotteshäuser, Gemeindehäuser, Pfarrhäuser. Viele waren im Krieg beschädigt worden. Zu deren Wiederherstellung und Erhaltung hatte man kirchlicherseits eine Menge getan. Dennoch waren 25 Jahre nach Kriegsende noch Schäden von 30 Millionen Mark geblieben; hinzu kamen Folgeschäden wegen nicht finanzierbarer Reparaturen von 70 Millionen Mark. Diese insgesamt 100 Millionen konnten unsere Kirchen nicht aufbringen. Und die staatlichen Zuschüsse für den Erhalt denkmalwerter Kirchen von 800.000 Mark pro Jahr - bei rückläufiger Tendenz - waren ein Tropfen auf den heißen Stein: doppelt unwirksam auch deshalb, weil die damit finanzierten Baumassnahmen nicht halfen, zeitgemäße Räume für kirchliches Leben zu schaffen. Die Bauwirtschaft hatte ohnehin Mühe, allein diese Kapazitäten aufzubringen.

Da war die Bereitschaft der EKD, die Finanzierung eines Sonderbauprogramms zu übernehmen, Rettung in aussichtsloser Lage. Es sah vor, für den Zeitraum von 1973-1980 rund 55 Millionen Valutamark für ein kirchliches Sonderbauprogramm bereitzustellen. Die sich andeutende Bereitschaft der DDR-Regierung, sich auf ein derartiges Kirchenbauprogramm einzulassen, war um so erstaunlicher, als sie 1971 erklärt hatte, dass künftig nur noch Wohnungen errichtet werden dürften. Wie wollte man der Bevölkerung und den Genossen an der Basis jetzt ein millionenschweres Kirchbauprogramm erklären, während gleichzeitig die historischen Innenstädte verfielen?

Am 13. Dezember 1972 beschloss der Ministerrat der DDR als das höchste infrage kommende Organ das vom Kirchenbund eingereichte Projekt Sonderbauprogramm. Mit dessen Durchführung wurde das staatliche Außenhandelsunternehmen LIMEX G.m.b.H. beauftragt. Ein entsprechender Bauleistungsvertrag wurde am 23. Mai 1974 unterzeichnet. Für die Aufnahme der vom Bund vorgeschlagenen Objekte in die Volkswirtschaftspläne der DDR hatte LIMEX zu sorgen, ebenfalls für den Import der benötigten Engpassmaterialien - wie man damals sagte. Die kirchenpolitischen Verhandlungen vor Ort mussten allerdings die jeweiligen Bauherren mit ihren Räten der Bezirke führen - und das war oft ein mühsames Geschäft.

Die erste Phase des Sonderbauprogramms von 1973-75 konnte beginnen. DDR-weit waren 44 Objekte benannt worden, der Leistungsumfang betrug 19 Millionen Mark. Denkmalswerte Kirchen sollten restauriert werden. Beschädigte Kirchen waren so wiederherzustellen, dass sie durch den Einbau moderner Funktionsräume wie Gemeindesäle, Büros, Küchen usw. langfristig den heutigen Ansprüchen des Gemeindelebens entsprachen.

Das mehrfach verlängerte Sonderbauprogramm wurde eine Erfolgsgeschichte, und im Jahr 1988 konnte in einer Zwischenbilanz festgestellt werden: 15 Jahre Sonderbauprogramm des Bundes - das sind über 100 rekonstruierte Kirchen, zwanzig neue Gemeindezentren, dreißig Tagungs- und Rüstzeitenheime, über 400 Wohneinheiten für Mitarbeiter von Kirche und Diakonie und fünfzig diakonische Einrichtungen.

Doch zurück zum Berliner Dom:
Während wir mit Kirchen und Staat über das Sonderbauprogramm verhandelten und die Kirchen ihre Wunschobjekte beim Kirchenbund anmeldeten, lud mich im Frühjahr 1972 der Stellvertreter des Ministers für Außenwirtschaft zu einem Gespräch über eine “wichtige Frage”, wie er sich ausdrückte, in sein Büro. Dort wurde mir am 2. Mai 1972 eröffnet, dass “höchste Stellen” sich einig seien, der Dom müsse erhalten bleiben. Zwar sei ihm aus Gesprächen mit Direktor Ludwig Geißel vom Diakonischen Werk der EKD bekannt, dass die Kirchen in der DDR nur ein zurückhaltendes Interesse an einem Wiederaufbau hätten, ihm möglicherweise sogar ablehnend gegenüberstünden, er müsse aber unter Umständen über den Sachstand berichten und brauche daher Zahlen, wie teuer ein Wiederaufbau würde. Deshalb sei zu empfehlen, dass sich Vertreter des Bauministeriums und der Kirche zu einem Gespräch träfen.

Ich wies also, wie schon erwähnt, zunächst darauf hin, dass ich der falsche Ansprechpartner sei. Aber das half ja nun alles nichts. Eine Abstimmung musste her zwischen den Gliedkirchen des Bundes und der EKU, aber auch mit der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, auf deren Territorium der Dom steht. Und damit kam der innerkirchliche Meinungsbildungsprozess in Gang.

Das heißt: Damals waren sich auf Kirchenseite fast alle einig: Der Dom steht quer - quer zu den Berlin-brandenburgischen Plänen über die kirchliche Gestaltung der Berliner Innenstadt, quer aber auch zu den sonstigen Kirchbauvorhaben in der DDR. Weshalb sollte im fernen und wenig beliebten Berlin ein alter Kaiserdom wiedererbaut werden, wenn landauf, landab wertvolle Kirchen verfielen? Und was wollte man mit einem Dom, dessen Gemeinde ihn nie würde füllen können? Predigtkirche des Bischofs der Ostregion Berlin-Brandenburgs war St. Marien. Hier kam auch die rund um den Alexanderplatz wohnende Gemeinde zusammen. Den Dom als Kirche brauchte niemand. 20 Prozent des Gebäudes würde die ansässige Domgemeinde beanspruchen. Sollte der Staat sehen, was er anfängt mit dem schwarzen Monstrum inmitten Berlins.

Im Verlaufe des Jahres 1972 kam es zu einer Reihe von Begegnungen zwischen Staat und Kirche. Beteiligt waren auf der einen Seite Vertreter des Ministeriums für Außenwirtschaft, des Ministeriums für Bauwesen und der Staatlichen Bauaufsicht. Auf der anderer Seite die EKU, der Kirchenbund, die Domgemeinde und die Ev. Kirche in Berlin-Brandenburg.

Dabei wurde unsererseits wiederholt daran festgehalten:

  1. Die Entscheidung zum Wiederaufbau des Äußeren des Berliner Doms dürfe keinesfalls andere kirchliche Bauwünsche, insbesondere nicht das Sonderbauprogramm, einschränken
  2. es gebe für die Kirche ein “untrennbares Junctim”: Wenn das Äußere des Doms wiedererrichtet werde, müsse in einer zweiten Stufe auch der Innenausbau folgen
  3. müsse gesichert sein, dass sich der Staat an den Aufbau- und Unterhaltskosten beteiligt
  4. dürfe die Arbeit der Domgemeinde im Dom durch die Bauarbeiten nicht unterbrochen werden.

Zugleich wurde darauf hingewiesen, dass die Kirche starkes Interesse am Wiederaufbau des Französischen Doms auf dem Gendarmenmarkt habe und am Wiederaufbau der Parochialkirche. (Und tatsächlich wurden beide später in das Sonderbauprogramm aufgenommen.)

Damals haben uns die staatlichen Vertreter versprochen:

  • der Dombau werde das Sonderbauprogramm nicht belasten, er könne aber innerhalb dieses Programms verwirklicht werden, und
  • kirchlichen Bauwünschen für die Innengestaltung des Doms werde Rechnung getragen; alles, was vernünftig und gesetzlich sei, werde ermöglicht.

Wenn man heute die damaligen Aufzeichnungen liest, spürt man noch immer die Ängste beider Seiten. Das Dombauvorhaben galt als ein “Politikum allerersten Ranges”: Die Kirche hatte die Sorge, ihre sonstigen Bauwünsche könnten durch Staat oder Partei auf Landes- oder Bezirksebene gestoppt oder behindert werden. Und in der Tat mussten wir immer wieder einmal gegenüber dem Ministerium für Außenwirtschaft, aber auch gegenüber den Beauftragten unserer Gliedkirchen darauf hinweisen, dass Mittel und Materialien des Sonderbauprogramms nicht zur Deckung anderweitiger Lücken bei Kirchbauvorhaben eingesetzt werden durften. Der vom Staat gewünschte Dombau musste als Pfand in Kirchenhand genutzt werden: Es galt, das Dombauprojekt innerhalb des Sonderbauprogramms so zu verankern, dass es von den übrigen Bauvorhaben unterscheidbar blieb, diese nicht infrage stellte, sondern ein zusätzlicher Impuls für deren Durchsetzung blieb.

Staatlicherseits hatte man ebenfalls Sorgen: Wie würde die Bevölkerung, wie würden die eigenen hochrangigen Genossen angesichts der gravierenden finanziellen und materiellen Mängel im Bausektor und andernorts reagieren auf so auffällige Kirchbauprojekte im Herzen Berlins und DDR-weit? Schon hatten westliche Medien darüber zu berichten begonnen. Das konnte schädlich werden. Und sicherzustellen war, dass in den Kreisen der westdeutschen Bevölkerung nicht für den Dombau in Ostberlin gesammelt würde.

Im November 1974 wurde im Auftrag des Rates der EKU - Bereich DDR - der Vertrag zwischen dem Bund der Evangelischen Kirchen und dem Außenhandelsunternehmen LIMEX über die Aufbauphase “Äußere Gestaltung” unterzeichnet. Er trägt die Unterschriften des EKU-Präsidenten und des Auftragnehmers LIMEX. Jetzt war es an der Zeit, ein Nutzungskonzept für das Dominnere vorzubereiten - zumal vorgesehen war, das Äußere der Innennutzung anzupassen.

Für den heutigen Leser der Unterlagen von damals ist es kaum noch nachvollziehbar, wie unbeirrt die Kirche gegenüber dem Staat darauf beharrt hat:

Lasst uns 20% der Räume im Dom - die übrigen 80% samt dem großen Saal unter der Kuppel mögen Staat oder Gesellschaft in eigenen Besitz und zur eigenen Nutzung übernehmen. Der Staat hat sich darauf nie ernsthaft eingelassen. Und so wurden - gleichsam stellvertretend - von kirchlicher Seite erste Nutzungsvarianten für die Innenräume ersonnen: Vielleicht könnte man in der Halle unter der Kuppel eine Art Badeanstalt einbauen - so war es der riesigen lutherischen Kirche im damaligen Leningrad ergangen. Oder - wie in Berlin-Schöneweide - einen Aufnahmeraum für den VEB Deutsche Schallplatte? Eine Konzerthalle oder einen Tagungsraum? Anstelle der Theologischen Sektion der Humboldt-Universität zu Berlin, die einen Teil der Räume schon damals nutzte, könnte das bescheiden untergebrachte Sprachenkonvikt hier einziehen. Vielleicht auch der kirchliche Fernunterricht. Eine kirchliche Zentralbibliothek oder Räume für die Spielgruppe der Volksmission. Ein Museum möglicherweise und der Kirchliche Kunstdienst. Die Evangelische Verlagsanstalt und die Hauptbibelgesellschaft. Ein Seelsorgezentrum samt kirchlichen Verwaltungsräumen. Ein Hospiz oder das kirchliche Bauamt...
Die Ideenvielfalt war groß. Und der Prozess, der manchen vom eifernden Dom-Saulus zum Dom-Paulus bekehrt hat, brauchte seine Zeit. Mich selbst haben Pietisten aus dem Erzgebirge überzeugt, an dieser zentralen Stelle Berlins die Fahne des Evangeliums hochzuhalten und die kirchliche Nutzung des Doms nicht preiszugeben. Zudem schreckte mich das Beispiel des Kasaner Doms im damaligen Leningrad: Den hatte man kurzerhand zu einem Atheismus-Museum umfunktioniert.

Der Rest der immerhin noch zwanzig Jahre währenden und bis heute nicht abgeschlossenen Dombau-Geschichte soll jetzt nur kurz nacherzählt werden:
Der Vertrag über den Wiederaufbau des Äußeren war unterschrieben.
Er war analog zu dem Vertrag über das Sonderbauprogramm des Kirchenbundes als Globalvertrag gestaltet. Geldgeber für die vorgesehenen 45 Millionen Valutamark waren die EKD und die Bundesregierung; Hauptauftraggeber war der Kirchenbund; Dienstaufsichtsbehörde und verantwortlich für den Wiederaufbau der Rat der EKU. Ein Dombauausschuss wurde ins Leben gerufen. In ihm waren auch westliche Kirchen vertreten. Der Staat gab zu verstehen, dass das Verfügungsrecht über den gesamten Dom und über dessen Nutzung beim Eigentümer verbleibe und die Regierung ab dem 1. Januar 1976 200.000 Mark pro Jahr für die Unterhaltung zur Verfügung stellen wolle.

Die Aufbauarbeiten am Äußeren begannen 1975. Über Grad und Dauer des Einvernehmens zwischen staatlicher Dombauleitung und kirchlichem Dombauausschuss gibt es unterschiedliche Darstellungen. Ich erinnere mich an diverse Meinungsverschiedenheiten. Sie betrafen zum Beispiel die Fassadengestaltung:
Nachdem das Dombauprojekt vom Staat bewilligt, man also auf der sicheren Seite war, beginnen jetzt nämlich Künstler der DDR und des Auslands sich zu Wort zu melden und auf die kunsthistorische Bedeutung des Bauwerks und seiner Figuren hinzuweisen. Möglichst viel sollte erhalten, möglichst wenig verändert werden. Das galt auch für die Anordnung der Fenster. Während die kirchliche Seite diese der Gestaltung des Innenraumes anpassen wollte, bestand die staatliche Seite auf deren unveränderte Form.

Aber auch die kirchliche Seite entdeckt ihre neue Liebe zur historisch detailgetreueren Rekonstruktion - etwa der Westfassade mit der dominierenden Christusstatue. Und um den Engelkranz zu erhalten, musste ein Zahlungsstopp angedroht werden. Die Frage aber, die mich beschäftigte, war: Wie weit würden unsere Geldgeber mitgehen? Würden sie bereit sein, so umfassende denkmalpflegerische Rekonstruktionsmaßnahmen zu finanzieren?
Bei der vereinbarten Vereinfachung der oberen Bauformen - insbesondere der Kuppel - blieb es allerdings. Und es blieb beim Abriss der Denkmalkirche sowie bei der Entfernung der kaiserlichen Unterfahrt. Beidem hatte die Kirche leider widerspruchslos zugestimmt.

Parallel zur Instandsetzung der Außenhaut wurde die Tauf- und Traukirche als Gottesdienstraum der Domgemeinde wiederhergestellt. Deren Wiedereinweihung 1980 gab zusammen mit der Wiedereröffnung des kaiserlichen Treppenhauses einen entscheidenden Impuls für den weiteren Innenausbau: Von unserem bisherigen Nutzungskonzept mussten wir abrücken. Es hatte so umfangreiche Ein- und Umbauten vorgesehen, dass wertvolle historische Bausubstanz vernichtet worden wäre, ohne ein akzeptables Ergebnis zu erreichen. So sah der Vertrag zum Wiederaufbau des Innenraumes aus dem Jahr 1983 nunmehr die weitestgehende Respektierung des historischen Charakters des Inneren vor. Der Dom sollte zu einem vielseitig nutzbaren Zentrum kirchlichen Lebens werden; der imposante Kuppelraum der Predigtkirche würde seine liturgische Funktion zurückerhalten und die einst größte Orgel zu diesem Zweck restauriert werden. Zugleich wurde die heute gültige Nutzung des Inneren festgelegt. Das Ergebnis steht uns vor Augen.

Doch die “Lokomotive” Dombau zog noch andere Wagen mit: Nachdem wir von dem Einbau zahlreicher Funktionsräume in das Dominnere abgesehen hatten, musste dafür Ersatz geschaffen werden. Das war nachvollziehbar; und es gelang, die staatlichen Stellen zu bewegen, ihre Zustimmung zum Bau des Bonhoeffer-Hauses in der Ziegelstraße zu geben: ein kirchliches Multifunktionshaus in bester Lage.
Und noch ein weiteres Bauprojekt war an den Dom gekoppelt:
Die Diakonie war mit dem Argument auf den Plan getreten: sie trage durch ihr staatlicherseits anerkanntes Tun erheblich zur Akzeptanz der Kirche in einer atheistischen Umwelt bei. Deshalb müsse dem Dom als Sakralbau ein Haus praktischen Dienstes an die Seite gestellt werden. Staatliche und kirchliche Widerstände gegen solch ein Vorhaben konnten ausgeräumt werden: Das damalige Königin-Elisabeth-Hospital erhielt einen Ergänzungsbau und wurde über Jahre zur größten Baustelle der Diakonie in Deutschland.

Zusammenfassend kann man sagen: Das Dombauprogramm und das Sonderbauprogramm haben sich gegenseitig vorangebracht: Galt in den 70er Jahren zunächst das Sonderbauprogramm als Modell für die Wiedererrichtung des Doms, so kehrte sich dieses Verhältnis auch um. Am Beispiel des Dombaus wurde dem Staat vorexerziert, dass etwa Straßenbenutzungsgebühren, aber zunehmend auch Bauleistungen nicht in Valutamark, sondern in Mark der DDR bezahlt werden konnten.

Und rückblickend stellt man fest: Alle, die mit der Wiedererrichtung des Berliner Doms befasst waren, haben gelernt. Sie haben Positionen eingebracht, diese im Lauf der Jahre gewandelt, verbessert und neu konzipiert.

Stand der alte Kaiserdom zunächst quer zur Gestaltung der sozialistischen Landeshauptstadt Berlin, entschloss man sich doch, dieses unbequeme Relikt aus vergangenen Zeiten zu akzeptieren und sogar zu integrieren - zu leben mit der Geschichte unseres Volkes.

Auch für die kirchliche Planung stand der Dom anfänglich quer, bis man ebenfalls soweit war, ihn zu akzeptieren, ihn in das kirchliche Leben zu integrieren und zu leben mit der eigenen Kirchengeschichte.

Und faktisch wurden der Palast der Republik und der Dom zu Zwillingen - die Geburtsstunde des einen hat zur Wiedergeburt des anderen geführt. Für ein paar Jahrzehnte gehörte der Bestand beider untrennbar zusammen. Das staatliche Ja zum Palast beinhaltete sein Ja zum Dom. Sein Ja zum Dom führte schließlich zur Bejahung dieses Gotteshauses auch auf kirchlicher Seite. Die Zukunft wird zeigen, ob es ein dauerhaftes Miteinander für das ungleiche Zwillingspaar geben wird oder ob Berlins Mitte ein neues - vielleicht altes - Herzstück in Form des ehemaligen Schlosses wiedererhält.

Wie fast alle unsere Kirchengebäude ist uns auch der Dom aus unserer eigenen Vergangenheit überkommen. Aber er hat sich zugleich als zukunftstauglich erwiesen. Oder sollen wir es besser andersherum formulieren: Wir haben an ihm unser Geschichtsbewusstsein vertieft. Heute jedenfalls ist er eine bedeutende Stätte kirchlichen und gesellschaftlichen Lebens im Zentrum Berlins. Wir können dankbar sein all jenen, die die Entscheidung zu seinem Wiederaufbau ermöglicht und mitgetragen haben. Es waren Deutsche aus Ost und West, es waren Kirchen und Regierungen unterschiedlicher politischer Systeme, und es waren viele einzelne, die in der umstrittenen Ruine in der Mitte Berlins eine nationale Herausforderung erkannten, sich ihrer angenommen und sie schließlich auf gute Weise gelöst haben. Sie alle können stolz darauf sein.

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