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Presseinformation vom 11. Mai 2000


Ihr Beispiel ist Signal

(Sperrfrist: Beginn der Rede!/Es gilt das gesprochene Wort!)

Verleihung der Preise für Mut und Verständigung des Bündnisses der Vernunft gegen Gewalt und Ausländerfeindlichkeit am 11. Mai 2000 zwischen 11.00 und 13.00 Uhr im Brandenburg-Saal der Staatskanzlei Potsdam; Ansprache von Ministerpräsident Manfred Stolpe

"Bereits zum siebenten Mal verleihen wir das Band für Mut und Verständigung des Bündnisses der Vernunft gegen Gewalt und Ausländerfeindlichkeit. Dieser Preis entbehrt nicht einer gewissen Ambivalenz. Einerseits deutet er darauf hin, dass wir in unserem unmittelbaren Umfeld mit Menschen und Situationen fertig werden müssen, die gewalttätig und ausländerfeindlich sind. Andererseits zeigt dieser Preis, dass es Mitbürger gibt, die solche Erscheinungen nicht dulden, die handeln, wenn es die Situation erfordert, die aus ihrer tiefen Überzeugung eines toleranten, menschlichen, brüderlichen Miteinanders keinen Hehl machen.

Sie, liebe Anwesende, sitzen hier stellvertretend für zahlreiche andere Bürgerinnen und Bürger der Region, die ebenfalls nicht zulassen, dass Menschen anderen Glaubens, anderer Hautfarbe oder Nationalität mitten in Deutschland diskriminiert werden, die nicht zulassen, dass das Ansehen von Berlin und Brandenburg beschädigt wird. Ich danke von dieser Stelle aus Ihnen allen!

Es gab mehr als 30 Vorschläge dafür, wer in diesem Jahr das Band für Mut und Verständigung bekommen sollte. Die Jury hatte die schwere Aufgabe auszuwählen. Die drei Preisträger stehen nun fest.

Es sind Rainer Wuschansky, das Ehepaar Irina und Marco Ehlert und Otmar Kagerer. Sie sind Mitbürger, die mit Mut und Menschlichkeit ausgestattet sind und diese im rechten Augenblick einzusetzen wussten.

Rainer Wuschansky gründete im Jahre 1994 in Eisenhüttenstadt die "Arche". Es ist kein Café im üblichen Sinne, sondern ein Gemeindetreffpunkt der Evangelischen Kirche, der ein Raum für alle sein soll: Deutsche und Ausländer. Rainer Wuschansky hat dem Treff eine Atmosphäre gegeben, die solche Begegnungen möglich macht. Außerdem bekommt - wer es wünscht - Beratung und Unterstützung. Das Café und seine Mannschaft sind akzeptiert, weil niemand ausgegrenzt wird, weil es keine Berührungsängste gibt. Christliche Nächstenliebe ist ein gern gebrauchtes Schlagwort - hier trifft es den Kern der Sache. Rainer Wuschansky arbeitet ehrenamtlich und erledigt dabei quasi einen 24-Stunden-Job. Sein Geheimrezept? Er geht unvoreingenommen auf Menschen zu, er organisiert Begegnungsmöglichkeiten, seien es Feste, Basare o.ä.

Und: Er singt mit den Menschen! Es gibt das gute alte deutsche Sprichwort: Wo gesungen wird, da lass' Dich ruhig nieder. Lieder sind ein Stück Heimat in der Fremde und sie wecken Verständnis an fremden Kulturen. Herzlichen Dank an Rainer Wuschansky und sein "Arche"-Team! Ohne Sie wäre Eisenhüttenstadt, wäre Brandenburg ein Stück ärmer.

Irina und Marco Ehlert haben sich in einer Situation bewährt, in die keiner von uns je zu kommen wünschte. In einer Potsdamer Straßenbahn wurden sie Augen- und Ohrenzeugen eines Angriffs zweier rechtsextrem motivierter junger Männer auf einen Asylbewerber. Als die Situation zu eskalieren drohte, griffen die Ehlerts gemeinsam mit einer Mitfahrerin ein: Marco Ehlert zog im wahrsten Sinne des Wortes die Notbremse. Die Täter konnten gestellt und rechtskräftig verurteilt werden. Gefragt, woher beide den Mut nahmen, versicherten sie, dass sie immer wieder so handeln würden.

Ist es nicht wirklich so - wir dürfen nicht wegsehen, wir dürfen uns nicht einschüchtern oder von einer Minderheit terrorisieren lassen! Direkte Unterstützung für extremistisch motivierte Gewalttaten gibt es kaum, aber es ist dieses Wegsehen und Weghören, das die gewaltbereite Minderheit als Zustimmung auslegt.

Herzlichen Dank Ihnen beiden und allen, die in vergleichbaren Situationen ebenso spontan und beherzt gehandelt haben.

Ein dritter Preis geht in diesem Jahr an Berliner Steinmetze. Im Oktober vergangenen Jahres war der Jüdische Friedhof in Weißensee geschändet worden und 130 Grabsteine wurden zum Teil schwer beschädigt. Nachdem Otmar Kagerer, Steinmetz in Weißensee und stellvertretender Innungsobermeister, spontan seine Hilfe bei der Wiederherstellung der Steine angeboten hatte, erklärten sich acht Firmen: Natur und Kunst GmbH (Inhaber: Bernd Dubke), Scherhag GmbH (Eugen Eidner), Firma Paul Becker, Firma Hartmut Breuer, Firma Johannes Hohlfeld, Firma Manfred Gebauer, Firma Siegfried Pototski sowie die IB Berufsbildungsstätte (Herr Scheuermann) bereit, ebenfalls mit Material und Mitarbeitern bei den Reparaturen zu helfen. Nach sage und schreibe vier Tagen waren die Grabsteine repariert und die Gräber wiederhergestellt.

Allerdings hinterließ die Angelegenheit - über die Tatsache der Grabschändung hinaus - einen außerordentlich unangenehmen Beigeschmack: Otmar Kagerer und seine Frau wurden am Telefon und per Post anonym bedroht. Ihr Geschäft wurde überfallen und verwüstet. Keiner der Täter konnte je gefasst werden. Das Ermittlungsverfahren musste ergebnislos eingestellt werden.

Die Solidarität der Kollegen, die den Schaden des Geschäftsüberfalls großzügig ausglichen, und die persönliche Anteilnahme vieler Mitbürger haben Herrn und Frau Kagerer in ihrer Haltung ermutigt. Die Verleihung des Bandes für Mut und Verständigung würdigt auch in diesem Jahr das herausragende Verhalten von Frauen und Männern in besonderen Lebenslagen und Situationen.

Der Einsatz für Verständigung setzt auch in Deutschland Mut voraus. Deshalb danke ich Ihnen für die Selbstverständlichkeit, mit der Sie unkompliziert und unkonventionell reagiert haben. Ihre Zivilcourage ist ein eindrucksvoller Beweis, dass es sich lohnt, gegen Gewalt, Diskriminierung und Ausgrenzung aufzutreten. In einer Zeit, in der Täter rechtsradikaler Übergriffe und fremdenfeindlicher Gewalt immer wieder die Schlagzeilen beherrschen, ist Ihr Beispiel als ein Signal dafür, dass die Gesellschaft nicht länger bereit ist, rechtsradikale Gesinnung und brutale Attacken auf Andersaussehende und Andersdenkende hinzunehmen, von überragender Bedeutung.

Ich danke für Ihren Mut, ich danke für Ihren Einsatz für Verständigung!

© Landesregierung Brandenburg, 2000